may, be


Siehst du auch, was ich sehe?




Da kommt schon der Mai!!!











Abend in den Mai



kleines Glück




In unserer Küche hängt ein Kalender.
Überhaupt hängen im ganzen Haus einige Kalender,
weniger wegen der Zeitorientierung,
als wegen der Betrachtung.-
In unserer Küche hängen zwei Kalender.
Der eine ist ein sogenannter Timer,
in den die verschiedenen Termine eingetragen werden.
Der andere ist der Kalender fürs wirkliche Leben,
nämlich ein Kunstkalender.
Schön an diesem ist,
dass er nicht nur für jeden Monat,
sondern für jede Woche eine Seite hat.
(Was mich allerdings stört, ist,
dass die Wochen mit den Montagen anfangen.)
In unserer Küche hängt also ein Kalender,
der  diese Woche mit dem 26. April begonnen hat,
und gleich am Montag stand da, 
dass am 26. April 1912
der Almanach Der blaue Reiter erschien,
herausgegeben von Wassily Kandinsky und Franz Marc.
In unserer Küche hängt ein Kalender,
in dem in dieser Woche
neben der Datumsleiste,
neben einer Fotografie,
auf der Kandinsky zu sehen ist,
oberhalb dieses Bildes,
das Kandinsky gemalt hat, 



Worte Wassily Kandinskys stehen, 
die mich schon die ganze Woche 
beim Wieder- und Wiederlesen glücklich machen:


"Erlaubte", "unerlaubte" Zusammenstellungen,
der Zusammenstoß der verschiedenen Farben,
das Übertönen einer durch die andere,
vieler durch eine,
das Herausklingen einer aus der anderen,
das Präzisieren des farbigen Fleckes,
das Auflösen ein- und vielseitiger;
das Zurückhalten des fließenden Farbenfleckes
durch zeichnerische Grenze,
das Übersprudeln dieses Fleckes über diese Grenze,
das Ineinanderfließen,
das scharfe Abtrennen usw. usw.
eröffnen eine sich in unerreichbare Fernen
verlierende Reihe der reinmalerischen (= farbigen)
Möglichkeiten.





Ist das nicht wunderbar, Mensch!?!






im Wald, abends

Kind, 2, gefolgt von seinem Schatten


Kommendes


ein Schatten meiner selbst


die gibt es auch:
Bernhard
Friederike
Johannes
Paula

im Wald




angetroffen
angefangen
angebunden
angezogen
angedichtet
angegeben
angebandelt
angemeldet
angeguckt
angehaucht
angesagt
angerufen
angehimmelt
angefacht
angenommen
angebahnt
angedacht
angeklickt
angehängt
angegangen
angefasst
angedockt
angedeutet
angemessen
angelacht
angeführt
angerichtet
angetan
angefeuert
angeboten
angekommen
angelangt

angeloi






urGeschichte




was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker




interNet





 Wir sagen uns, dass alle, alle Menschen 
von einem gemeinsamen geistig-göttlichen Ursprung herkommen 
und dass, wie sie auch auseinander gegangen sind 
nach Territorien, nach Sprachidiomen, 
es möglich ist, anzuschlagen in der Seele die Saite, 
die da tönt 
von den urältesten, heiligsten menschlichen Erinnerungen, 
die in sich schließen das Geistig-Göttliche, 
von dem wir ausgegangen sind. 
Und so kommen wir uns vor wie Brüder 
der allumfassenden Menschheitsfamilie, 
die ausgegangen sind von gemeinsamem Heim, 
ihre Entwickelung, ihre Evolution durchgemacht haben 
in den verschiedensten Gebieten 
und nicht vergessen haben dasjenige, 
was sie erinnert an ihren uraltheiligen Ursprung. 
Was ist denn Gottsuchen in unserer Gegenwart? 
Etwas wie ein mächtiger Sehnsuchtsschrei der Menschen, 
die heute schon verstehen dasjenige, 
was alle Menschen binden soll 
immer mehr und mehr in der Zukunft, 
was aufleben lassen soll in allen Herzen das Verbindende 
immer mehr und mehr in die Zukunft hinein, 
wie es immer mehr und mehr war, 
je weiter wir in unsere Vergangenheit zurückschauen. 
Die Menschen, 
sie begegnen einander über das weite Erdenrund hin. 
Die einen kennen einander mehr, 
die anderen weniger, 
einzelne sind befreundet, 
einzelne lieben einander. 
So geht es im Alltag. 
Und diejenigen Menschen, 
die gemeinsame Ziele, gemeinsame Interessen haben, 
sie schließen sich insbesondere in unserer Zeit 
unter gemeinsamen Idealen zusammen, 
denn solche wissen, 
dass sie einander begegnen in diesen gemeinsamen Idealen.
Da finden wir uns so zusammen, 
dass im Grunde genommen ein jeder einen jeden sogleich kennt. 
Denn wodurch kennen sich Menschen? 
Dadurch, dass sie voneinander etwas wissen. 
Wir gehen gleichgültig vorbei an demjenigen in der Welt, 
von dem wir nichts wissen; 
wir reichen liebevoll die Hand dem, der unser alter Bekannter ist; 
wir lächeln an den, dem wir lange nicht begegnet sind 
und der uns mit inniger Freude durch seine Begegnung erfüllt,  -
kurz, es knüpft sich ein Band von Mensch zu Mensch dadurch, 
dass der eine von dem anderen etwas weiß. 
Wir wissen von dem anderen, 
dass in seinem tiefsten Innern, 
in seinem eigentlichen menschlichen Kern 
mit uns das gleiche geistige Ideal lebt, 
und so erscheint er uns wie ein alter Bekannter, 
wie ein selbstverständlicher Bekannter. 
Neben allem Übrigen, 
das Geisterkenntnis dem Menschen bringen kann, 
wird es dieses sein, 
dass die Menschen, 
die sich noch nie auf dem äußeren physischen Plan gesehen haben, 
einander werden so begegnen können 
über das ganze Erdenrund hin, 
dass sie das Wichtigste voneinander wissen werden einfach dadurch, 
dass sie sich auf dem gemeinsamen Boden der Geisterkenntnis finden.

sonnTag





nachts ruf ich dich
an wie ist deine nummer wo
gehst du ich
läute ich
läute ich
läute du
hörst du

nebenSachen



"Woran arbeiten Sie eigentlich?"

Zwischen Badezimmer und Schreibtisch 
stellte mir vorhin jemand diese Frage.
Nicht laut, sondern in mir drin.
Und ich konnte sie, ohne zu überlegen, beantworten:
"Ich arbeite an meinem Leben;
und an einigen Nebensachen."

Ich bin sehr froh, dass heute, ganz unerwartet, 
der Tag war, 
an dem mir diese Frage gestellt wurde.
Ich bin froh, 
dass ich ganz aus dem Herzen die Antwort wusste.
Nicht ausgedacht, nicht formuliert.
Heute, am 114. Tag des Jahres 2010,
im Alter von 48 Jahren, 2 Monaten und 15 Tagen,
kann ich es so sagen:
Ich arbeite an meinem Leben.
Ja.


Noch Fragen?


allTag

Guten Morgen und allen einen guten Tag,
gerade ist entschieden, dass ich mit Kind, 2, ins Krankenhaus fahre.
Er hat seit zwei Tagen eine "Dermatitis exfoliativa", mitten auf der Brust eine wie verbrühte, nässende Stelle, die Oberhaut geht da ganz weg wie bei einer Brandblase.
Er ist munter dabei.
Diese Mitte ist ja seine dünnste Stelle, auch von innen her gesehen durch seine vorbelastetet Lunge.

wund
wunde
wunder


Bis zum nächsten post,

Stefanie

gerichtet


Komm wieder auf die Wiese
auf die du noch niemals kamst



und leg dich ins Gras
in dem du schon immer liegst

lass den Uferstaub durch die Finger rinnen wie Mehl:
Wieder ist nie Immer zum ersten Mal

  Erich Fried  




 
für Susanne Wiese

geboren am 24.4.1938


gestorben am 30.11.2006



vorGang


Wo sind


die Auferstandenen


die ihren Tod
überwunden haben 



das Leben liebkosen


sich anvertrauen
dem Wind



Kein Engel
verrät
ihre Spur






Rose Ausländer:
Die Auferstandenen





wer aus mir trinkt...



Morgens und abends

Die Wiesen, die Augen
früh und spät
so nass.

Dazwischen 
ist Tag.


Hilde Domin 


 

grün - dlich



Lesen

Der Lesestoff ist grün,
fällt ein durch quadratische Fenster,
bleibt auf dem Fliesenstein
im Vorflur liegen,
weit von den Rhododendren,
erst Nachmittag.

Ilse Aichinger

*


 das grüne glas

man kann im grünen glas
sehr schön schwimmen
wenn man klein genug ist
zum beispiel eine mücke

ernst jandl

*

 Grün blättert das Auge

Friede in Perlenschrift
in den weiszen Büschen triolt es
freundliche Folklore
durchschreitet die Moose

Friederike Mayröcker

*

 Lehrmeisterin Natur
Vom Efeu können wir viel lernen:
er ist sehr grün und läuft spitz aus.
Er rankt rasch, und er ist vom Haus,
an dem er wächst, schwer zu entfernen.

Was uns der Efeu lehrt? Ich will es so umschreiben:
Das Grünsein lehrt er uns. Das rasche Ranken.
Den spitzen Auslauf und, um den Gedanken
noch abzurunden: auch das Haftenbleiben.

Robert Gernhardt




ent - sprechend




Stehen, im Schatten
des Wundenmals in der Luft.

Für-niemand-und-nichts-Stehn.
Unerkannt,
für dich
allein.

Mit allem, was darin Raum hat,
auch ohne 
Sprache.


Paul Celan


Schliere im Aug:
von den Blicken auf halbem
Weg erschautes Verloren.
Wirklichgesponnenes Niemals,
wiedergekehrt.

Wege, halb – und die längsten.

Seelenbeschrittene Fäden,
Glasspur,
rückwärtsgerollt
und nun
vom Augen-Du auf dem steten
Stern über dir
weiß überschleiert.

Schliere im Aug:
dass bewahrt sei
ein durchs Dunkel getragenes Zeichen,
vom Sand (oder Eis?) einer fremden
Zeit für ein fremderes Immer
belebt und als stumm
vibrierender Mitlaut gestimmt.
 
 
 





Mensch:



Kurz bevor Philipp Melanchthon 
am Abend des 19. April 1560 stirbt,
hat er noch auf einen Zettel notiert,
warum man den Tod nicht fürchten muss:
"Du entkommst den Sünden.
Du wirst befreit von aller Mühsal und Wut der Theologen.
Du wirst ins Licht kommen,
Gott schauen,
Gottes Sohn betrachten.
Du wirst jene wunderbaren Geheimnisse lernen,
die du in diesem Leben nicht verstehen konntest:
warum wir so erschaffen sind,
wie wir sind,
und worin die Vereinigung 
der beiden Naturen in Christus besteht."





*

glaub ich - nicht / Nr. 49


Da schaute Jesus auf und sprach:
"Jeder Mensch,
der Liebe zu mir findet,
wird die Kraft meiner Worte
in sich bewahren,
und mein Vater wird ihn lieben,
und zu ihm werden wir kommen;
der Vater und ich.
Und in ihm werden wir 
sein und schaffen.
Jeder Mensch,
der die Liebe zu mir nicht findet,
wird die Kraft meiner Worte
nicht in sich bewahren können. -
Denn das Wort, das ihr in euch hören werdet,
ist ja nicht mein Wort,
sondern das Wort dessen,
der mich zu euch geführt hat.



So habe ich immer wieder zu euch gesprochen,
solange ich bei euch in der Sinnenwelt weilte.
Und der Schützer und Helfer,
der heilende Geist,
den der Vater zu euch
in meinem Sinn senden wird,
der wird euch lehren
zu erinnern,
was ich zu euch gesprochen habe.

Meinen Frieden lasse ich euch.
Meinen Frieden schenke ich euch.
Nicht gebe ich, wie die irdische Welt gibt;
den Frieden, den ich gebe,
den gebe ich aus mir.
Bewahrt euer Herz
auch in der schwersten Erschütterung.
Lasst euch von der Angst
nicht verführen.
Ihr habt doch gehört,
dass ich zu euch gesagt habe:
Ich gehe nun fort und doch
komme ich zu auf euch alle!
Wenn ihr mich wahrhaft liebtet,
dann hättet ihr euch gefreut,
dass ich nun in das Sein des Vaters gehe,
denn der Vater
umgreift alles Werden der Welt.



Seht, nun habe ich es euch gesagt,
bevor es geschehen ist,
damit ihr vertrauen könnt,
wenn es geschieht.

Viele Worte werde ich nicht mehr
hier unter euch sprechen.
Es kommt schon
der unrechte Herrscher der Welt!
Nicht in mir
kann er für sich etwas finden.
Was aber geschehen wird,
geschieht,
damit die Menschheit dieser Erde
erkennt und schaut,
dass ich dem Vater vertraue
und ihn liebe;
gehe ich doch jetzt den Weg,
den Er mir gewiesen hat. -



Und nun, steht auf!
Lasst uns von hier fortgehen!"





Johannesevangelium 14, 23-31
Übertragung durch Bernd Lampe


*