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19/02/2010

einGang



bisweilen geschieht es
       wenn der schnee geschmolzen ist
              dass alles was er verbarg
                zum vorschein kommt so dass man die seele sehen kann

so wie der tod erst
       richtig sichtbar wird
              wenn jemand das geschenk betrachtet
                     das der tote mit ins grab bekommen hat

es ähnelt glaube ich
       der schachtel aus angelaufnem metall
              die ich wie ich lange gewusst
                     habe mitbringe

sie enthält überhaupt
       nichts anderes als eine münze
              einen silbernen fingerhut
                     einen zahn und eine kleine leere flasche

doch ihr duft wenn
       man sie öffnet
              erfüllt alles
                     wie die sonne um mitternacht

so habe ich mir die
       vorstellungskraft wie
              einen klaren kristallraum gedacht
                     der das sterbelager umschließt

wo der tote erst richtig
              sich selbst ähnelt
                     indem er den anderen wegstirbt


                                            aus "Alfabet" von Inger Christensen




Collage unter Verwendung einer Plastik von Cornelia Wagner



04/02/2010

vor - schau


die alphabete gibt es

den regen der alphabete

den regen der rieselt

die gnade das licht

zwischenräume und formen
der sterne der steine

den lauf der flüsse
und die bewegungen des gemüts

die spuren der tiere
ihre straßen und wege

den bau der nester
den trost von menschen

tageslicht in der luft
das zeichen des mäusebussards

das zusammensein der sonne
und des auges in der farbe

die wilde kamille
an den schwellen der häuser

den schneehaufen den wind
die hausecke den sperling

ich schreibe wie der wind
der mit der ruhigen schrift
der wolken schreibt

oder schnell über den himmel
in verschwindenden strichen
wie mit schwalben

ich schreibe wie der wind
der stilisiert monoton
ins wasser schreibt

oder rolle mit dem schweren
alphabet der wellen
ihre schaumfäden

schreibe in die luft
wie die pflanzen schreiben
mit stielen und blättern

oder rund wie mit blumen
in kreisen und büscheln
mit punkten und fäden

ich schreibe wie der strand
einen saum schreibt
aus schaltieren und tang

oder fein wie mit perlmutt
die füße des seesterns
und der schleim der muschel

ich schreibe wie das frühe
frühjahr das das gemeinsame
alphabet der anemonen
der buche des veilchens und
des sauerklees schreibt

ich schreibe wie der kindliche
sommer wie donner
über den kuppeln des waldrands
wie weißgold wenn der blitz
und das weizenfeld reifen

ich schreibe wie ein vom tode gezeichneter
herbst schreibt
wie rastlose hoffnungen
wie lichtstürme quer
durch nebelhafte erinnerung

ich schreibe wie der winter
schreibe wie der schnee
und das eis und die kälte
und das dunkel und der tod
schreiben

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das schweigen des skeletts
und der nägel der zähne
des haars und des schädels

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das flüstern der hände
der füße der lippen
der haut und des geschlechts

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
die geräusche der lungen
der muskeln des gesichts
des gehirns und der nerven

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das rufen des bluts
und der zellen der gesichte
des weinens und der zunge


aus „Alfabet“ von Inger Christensen

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25/01/2010

beschriftet



... jetzt laufen die träumer ganz offen
mit den träumen außen auf der haut herum

mit dem perlmuttschimmer von häuten
und eingeweiden verteilt über

den körper wie altmodische
landkarten; die besonderen

augenblickskurven zeichnen
die keime der zukunft wie eine

ansteckende fossile bepflanzung ab
und die erdrinde bricht wie

abgeblätterte leinwand; der stoff
der träume und alles woraus ein mensch

sonst noch gemacht war flattert
in der luft, einzelne klassische

streifen aus gaze und flor

um die glasklaren gedanken ...


aus "Alfabet" von Inger Christensen




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14/01/2010

es erscheint


... das leben, die luft die wir einatmen gibt es
eine leichtigkeit in allem, eine gleichheit in allem
eine gleichung, eine offen bewegliche aussage
in allem, und während baum um baum hinaufbraust in
den frühen sommer, eine leidenschaft, leidenschaft
in allem, als gäbe es für das spiel der luft mit
dem fallenden manna eine einfache modellzeichnung,
einfach wie wenn das glück massenhaft nahrung hat
und das unglück keine, einfach wie wenn die sehnsucht
massenhaft wege hat und das leiden keine,
einfach wie der heilige lotus einfach ist
weil man ihn essen kann, eine zeichnung so einfach
wie wenn das lachen dein gesicht in luft zeichnet ...


aus "Alfabet" von Inger Christensen








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02/01/2010

Prologos von Inger Christensen

Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen. Es ist. Es währt fort. Bewegt sich. Weiter. Wird. Wird zu dem und dem und dem. Geht weiter als das. Wird andres. Wird mehr. Kombiniert andres mit mehr und wird fortwährend andres und mehr. Geht weiter als das. Wird andres als andres und mehr. Wird etwas. Etwas neues. Etwas immer neueres. Wird im nächsten nu so neu wie es nur werden kann. Stellt sich dar. Flaniert. Berührt, wird berührt. Fängt loses material ein. Wächst größer und größer heran. Erhöht seine sicherheit indem es als mehr existiert denn es selbst, bekommt gewicht, bekommt geschwindigkeit, bekommt in der geschwindigkeit mehr mit, geht vor andres, über andres hinaus, das aufgesammelt, aufgeschluckt, schnell belastet wird mit dem was zuerst kam, so zufällig begann. Das war es. So andres jetzt da es begonnen hat. So verändert. Schon unterschied zwischen dem und dem, da nichts ist, was es war. Schon zeit zwischen dem und dem, zwischen hier und dort, zwischen vorher und jetzt. Schon die ausdehnung des raums von dem zu dem andern, zu mehr, zu etwas, etwas neuem, das nun, in diesem nu, war, das im nächsten nu ist und fortwährt. (...)











Inger Christensen
diesmal geboren am 16. Januar 1935
diesmal gestorben am 2. Januar 2009





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