Brief an Karl Valentin

"Man soll die Dinge nicht so tragisch nehmen, wie sie sind", hast du gesagt, Karl. Ich habe ein Problem: Ich nehme die Dinge noch viel tragischer, als sie sind und weiß noch nicht mal, ob das stimmt, vielleicht sind sie ja noch viel tragischer und ich nehme sie immer noch nicht tragisch genug. Gestern, Karl, an deinem 62. Todestag ist eine Frau hier in der Nähe tödlich verunglückt, hat jetzt mit dir gemeinsam ihren Todestag. Was geht mich diese Frau an? Bin ich meiner Schwester Hüterin? Es war ein schwerer dunkler Tag gestern, und da wusste ich ja noch nichts von ihrem Tod, obwohl ich schon beim Frühstück dachte, vielleicht leb' ich ja gar nicht mehr lang, und dann bin ich zum Friedhof gefahren wegen meinem Zahnarzt und so, und um zwei Uhr wollte meine Tochter, dass ich sie unten in der Stadt abhole und um zwanzig nach zwei rief sie nochmal an, ich könne jetzt runterfahren, und dann sind wir zwischen Klosterapotheke und Post beinahe mit dem Einsatzauto zusammengestoßen, das zu dem Unfall fuhr, wie ich jetzt weiß, und alles war schwer gestern, Karl, und heute morgen lese ich in der Zeitung von dieser 48jährigen Frau, die bei diesem Unfall um 14.20 Uhr 62 Jahre nach dir gestorben ist, auf den Tag, Karl, auf den Tag, und weißt du, was das alles bedeutet?!?




Kommentare:

  1. Klingt bedeutungsschwanger.
    Fast mystisch.
    Ja, was soll man dazu sagen?
    Es wurde ja bereits alles gesagt.
    Nur nicht von jedem.
    Laut Herrn Valentin.

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