Ostwind




Unsere Verstorbenen

Wir wissen nicht, wie wir denken. 
Wir wissen nicht, wie wir uns erinnern. 
Wir wissen nicht, woher unsere Ahnungen kommen. 
Wir erfahren unsere Aufmerksamkeit, 
womit wir alles andere erfahren, nicht. 
Das ist deshalb so, weil diese Fähigkeiten im Himmel, im geistigen Teil unserer Seele wurzeln. Dieser Bereich wäre im Überbewusstsein, im Quellgebiet des Bewusstseins aufzufinden. Die kleinen Blitze der Quelle, der Lichtquelle: 
Womit wir erfahren, womit wir von allem, was mit uns – mit wem eigentlich? – geschieht, zeugen. Da diese blitzhafte Wachheit und ihre Quelle weder an Leib noch an das Selbstgefühl gebunden ist, da sie dem Himmel angehört, in dem wir nicht getrennt voneinander sind, ungetrennt von allem und allen, deshalb verzeihen wir einander manchmal, uns selbst, allen.

„Wir sind aus dem Stoff, aus dem die Träume sind und ein Schlaf umschließt unser kleines Sein.“ Prospero spricht aus einer tiefen Menschenerkenntnis. Wir träumen in den Ursache-Wirkungsketten des Lebens: Was mit uns geschieht, wird nicht von uns gesteuert – ein Leben im Traum. In unseren überbewussten Himmeln schlafen wir ohne Traum. Hier ist das Reich der Stille, des über den Worten und Begriffen, des jenseits der Sprachen stehenden Logos. Hier ist die Quelle, die reine Quelle unserer Fähigkeit zum Verstehen, zum Sprechen. Die Verstorbenen leben im Reich des stillen Logos. Sie sagen sich selbst – das ist ihr Sein. Was dort Sein ist, erscheint auf der Erde als Fähigkeit. Es erscheint als Fähigkeit des Leibes und der Seele, dieser Wesensteile, die sich in ihrem leiblich-seelischen Sein vom oberen Reich getrennt haben. Hierher tritt das seelisch-geistige Wesen nach dem Tod, nachdem es sich von seinen Formen, von seinem Haften an den Formen gereinigt hat. In unseren Meditationen wachen wir vielleicht für Augenblicke in dieser Weltensphäre auf und könnten unseren für tot gehaltenen Geschwistern begegnen, wenn wir ihre Aussagen, wie sie sich der stummen, jenseits der Sprachen liegenden Ursprache selbst aussprechen, wahrnehmen könnten. Wie können wir sie aber im Dickicht der stumm erklingenden Aussagen erkennen? „Wellenlänge“ ist eine gute Metapher für diese Art von Aussage: sie sagen ihre wahren Namen, die nicht die Namen von etwas sind, das an sich kein Name ist, sondern jenen Namen, der mit unserem Sein eins ist – daneben hat man nichts anderes. Die Art, das Wie des Sprechens ist das wahre Einzelmerkmal – niemand sonst spricht so. Es liegt an uns, ob wir den gesuchten Menschen ohne Zeichen – die sind vergangen – erkennen.

Je mehr wir den Menschen, der nicht identisch mit seinem Zeichen ist – die Zeichen erkennen wir zuerst -, seine Bedeutung, sein Wesen geliebt haben, umso leichter ist es, die Art des Sprechens, die der Name ist, zu finden. Wenn wir in der Meditation die Sympathie und Antipathie der Seele, die einzelnen Bilder des irdischen Daseins, die Bilder der schöpferischen Momente, das Lächeln, die Blicke, heitere und traurige, neugierige und resignierende Blicke verlassen, sie alle zusammenschauen, zusammenlesen, können wir das Wie, den Stil, die Gebärde und die Erfüllung des letzten irdischen Lebens finden – Erfüllung auch dann, wenn diese in irdischem Sinne zu fehlen scheint.

Wenn wir in der Meditation des konzentrierten Bildes weiterschreiten, können wir den Klang im Hintergrund erfühlen. Wir können im Hinfühlen für jenes Wesen wach werden, das sich in mehreren irdischen Leben in sehr unterschiedlichen Stilarten (wie ein Maler oder ein Komponist seinen Stil ändern kann und trotzdem unverkennbar bleibt), die dennoch eine Art von Verwandtschaft – den höheren Stil – erkennen lassen, geoffenbart hat.

„Jedes Wesen strebt nach Vollkommenheit“ (Thomas von Aquin), und dieses „Bestreben“ oder diese „Ausrichtung“ (vielleicht kann man es dem Kavana in der Sprache der Chassidim gleichsetzen) ist der größte, umfassendste „Stil“ über dem Stil, der fühlbar ist. Er formt, er gestaltet unseren erkennenden Willen: Das ist die Intuition unseres verstorbenen Menschenbruders in uns. Das ist die Begegnung, das Erwachen im dritten Himmel, das Wahrnehmen des Sprechens im „dritten“ Himmel, wo unser höheres Wesen immerdar lebt, in dem Schlaf, der unser kleines Sein umschließt, aus dem wir jeden Augenblick aufwachen können.

Georg Kühlewind, 2. November 1999






Kommentare:

  1. Liebe Stefanie
    gerungen habe ich vor bald 25 Jahren mit den Texten von Georg Kühlewind. Er war ein wunderbarer Mensch. Einer der wenigen Anthroposophen, von dem ich Bücher gekauft habe – außer Steiner selbstverständlich. Seine Seminare und Vorträge waren von Weisheit geprägt.
    Ein schöner Textausschnitt.
    Ganz herzlich
    MonikaMaria

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  2. Liebe MonikaMaria,
    ich habe Georg Kühlewind nicht persönlich gekannt, aber in meiner "Wende - Zeit" habe ich sein Buch "Vom Normalen zum Gesunden" wie Brot gegessen. Es war ein wichtiger Stützpunkt ins Neue. Und was noch witzig ist: Mein Laptop ist bezeichnet "Inspiron 1501". Irgendwann stellte ich fest, dass das Georg Kühlewinds Todestag (15.1.) ist und fühle ihn wie eine Art inspirierenden Schutzgeist über allem, was hier rein und raus geht.
    Danke für dein Mitlesen.
    Stefanie

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  3. Liebe Stefanie
    Oh, wie schön, dann haben wir das Buch zusammen bearbeitet ... Georg Kühlewind war übrigens ein Pseudonym, mit dem er sich damals schützen musste. Anfangs der 80er Jahre war der «eiserne Vorhang» noch in Aktion.

    Hat Deine «Wende-Zeit» mit Anthroposophie zu tun? Bei mir war das jedenfalls wie ein nach Hause kommen damals. Der Tod meines Vaters 1984 verschaffte mir Gewissheit über Dinge, die ich so in der «normalen» Welt nicht finden konnte.

    Heute allerdings «entblättert» sich mein Zuhause überall ....
    Ganz herzlich
    MonikaMaria

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  4. Liebe MonikaMaria,
    die Anthroposophie hatte ich schon einige Zeit vor der "Wende-Zeit" kennengelernt, auch wie ein Nachhausekommen oder Wiedererkennen. Kühlewind kam dazu, als es dann mehr und mehr ans "Eingemachte" ging, ans Hinschauen auf Veränderungsbebürftiges, der ungemütliche Teil des Weges begann.
    Ich habe nicht verstanden, was du mit "entblättern" meinst.

    Stefanie

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  5. Liebe Stefanie
    Ich meine damit, dass mein Zuhause überall ist. Geistig wie physisch.
    Anthroposophie war und ist eine wichtige Führerin. Als noch wichtiger allerdings stellte sich das Johannes-Evangelium für mich heraus. Jedenfalls in den letzten 5 Jahren. Durch das intensive Studium verstehe ich heute auch die Rosenkreutzer, die Alchemie, Laotse oder Rumi oder andere Erzählungen aus der Mythologie bis hin zum Tibetischen Totenbuch. Rudolf Steiner hatte sie jedenfalls auch gut studiert. Das kann ich jetzt im Nachhinein feststellen. Obwohl das erste Buch von Steiner, die Philosophie der Freiheit war, bin ich über sein Buch: Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, definitiv zur Anthroposophie gelangt. Und zwar über ein Erlebnis, das ich in einem buddhistischen Tempel hatte. Vielleicht mal soweit ....

    Gute Nacht :-)
    MonikaMaria

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  6. .... und hier noch konkreter .... leider muss ich Worte brauchen .... denn das, was ich erlebe ...






    ... ist jenseits aller Worte .... Erkennendes/Erkanntes zugleich .... steht zwischen den Zeilen .... ist ohne Zeilen ... jenseits von schwarz auf weiß und bar aller Farben ...



    Ganz herzlich
    MonikaMaria

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