Ich sehe rot.



Wir nehmen einfach an, dass wir unseren Blick auf eine gleichmäßig in stark zinnobrigem Rot leuchtende Farbfläche richten, und wir nehmen ferner an, dass wir dazu gelangen, alles übrige, das um uns herum ist, zu vergessen, uns zu konzentrieren ganz auf das Erleben dieser Farbe, so dass wir diese Farbe nicht bloß als etwas vor uns haben, das auf uns wirkt, sondern so, dass wir diese Farbe als etwas haben, worin wir selber sind, dass wir eins werden mit dieser Farbe. Wir werden dann gleichsam die Empfindung haben können: Du bist jetzt in der Welt, du bist selbst in dieser Welt ganz Farbe geworden, das Innerste deines Seelenwesens ist ganz Farbe geworden, wo du auch hinkommen magst in der Welt mit deiner Seele, wirst du als roterfüllte Seele hinkommen, du wirst überall in Rot, mit Rot, aus Rot leben.- Dies aber wird man bei intensivem Seelenleben nicht erleben können, ohne dass die entsprechende Empfindung übergeht in ein moralisches Erleben.
Wenn man gleichsam die Welt durchschwimmt als Rot, identisch geworden ist mit dem Rot, wenn einem also selbst die Seele und auch die Welt ganz rot ist, so wird man nicht umhin können, in dieser rot gewordenen Welt, mit der man selber rot ist, zu empfinden, als wenn diese ganze Welt im Rot zugleich uns durchsetzt mit der Substanz des göttlichen Zornes, der uns von allen Seiten entgegen strahlt für alles dasjenige, was an Möglichkeiten des Bösen und der Sünde in uns ist.
Wir werden uns gleichsam in dem unendlichen roten Raum wie in einem Strafgerichte Gottes empfinden können, und unser moralisches Empfinden wird wie eine moralische Empfindung unserer Seele im ganzen unendlichen Raum sein können. Und wenn dann die Reaktion kommt, wenn irgend etwas auftaucht in unserer Seele, wenn wir uns also im unendlichen Rot erleben, ich könnte auch sagen, im einzigen Rot erleben, so kann es nur so sein, dass man es bezeichnen möchte mit dem Worte: 
Man lernt beten. 
Wenn man im Rot erleben kann das Erstrahlen und Erglühen des göttlichen Zornes mit allem, was an Möglichkeiten des Bösen in der menschlichen Seele liegen kann, und wenn man dann im Rot erfahren kann, wie man beten lernt, dann ist das Erleben mit dem Rot unendlich vertieft.

Rudolf Steiner, GA 275,
1.1.1915

1 Kommentar:

  1. Grandios, jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa
    so ist es. So habe ich es erlebt.

    Danke, Stefanie! Hier steht es wieder.

    Betrachte die Natur, ihr Trieb ist ROT!!!!!

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