vorwärz

Die zerbrochene Uhr im Kreise ihrer Scherben:
Sie war quadratisch; jetzt ist inmitten des Gehäuses
eine kleine, unregelmäßig geformte Glasscheibe übrig geblieben,
auf dem Fotoblog gut zu sehen: hier
Von der Seite betrachtet ragen die Zeiger wie Fühler in den Raum.
Die Restuhr hängt jetzt wieder an der Wand;
ich habe dem kleinen Plastikgehäuse 
einen großen schwarzen Fotokarton unterlegt.
Times are changing.




hörst du herz
tickt schon der märz










Liebe Leser, liebe Betrachter,

Mitte der vergangenen Woche überkam mich der Impuls,
in diesem Blog hier etwas zu ändern.
Nach meinem Gefühl hat sich meine "einsame" Variante  müde gelaufen.
Ich habe mehrere Menschen gefragt, ob sie hier mit mir gemeinsam bloggen wollen.
Kein bestimmtes Thema braucht es zu sein.
Bewegendes, Witziges, Trauriges, Bedenkenwertes, Anstoßendes,
Alltägliches, Besonderes, Überraschendes, Entdecktes... in Wort und/oder Bild.



Ich gebe hiermit die "Schirmherrschaft" ab ;-)...


Als ich heute Vormittag ein paar Schritte in den Wald gegangen war,
hing dort an einem Baum ein zusammengefalteter Schirm,
kariert in violett und grau, ein schöner Farbtupfer an diesem Regentag. -

In der Zeit, als ich diesen Post schrieb,
fiel bei uns ein Stockwerk tiefer eine Glaswanduhr zu Boden
(der Kater wird verdächtigt, sie lag auf einem Tisch);
die neue Zeit:







LKW



Lebens
Kraft
Welle








selbst gelb


Ich glaube, dass beispielsweise die Farbe Gelb in sich selbst ausreicht,
um eine Atmosphäre und ein Klima »jenseits des Denkbaren« zu schaffen.
Zudem sind die Nuancen unendlich, und daher ist es möglich,
die Farbe auf viele Arten zu interpretieren.  
 
Je pense que la couleur "jaune", par exemple, est bien suffisante
en elle-même pour rendre une atmosphère et un climat "au-delà du pensable";
de plus, les nuances du jaune sont infinies ce qui donne la possibilité,
de l'interpréter de bien de facons.
 
Yves Klein


8sam




1fach  betr8en
 






Diese Wandkeramik schuf der Künstler Ludwig Fellner, 1917 - 2006;
sie befindet sich an seinem Haus in Königsbach/Weinstraße.









Legende...

  ...von der Entstehung des Buches Taoteking
auf dem Weg des Laotse in die Emigration 

Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch zur Ruh.
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
Und er gürtete den Schuh. 

Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.

Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug
Denn dem ging es schnell genug. 

Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte
Sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt. 

Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“ 

Dass er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He, du! Halt an! 

Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Interessiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich! 

Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
Sowas nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte.
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“ 

Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann. Flickjoppe. Keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch du?“ 

Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen  
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“ 

Und von seinem Ochsen stieg der Weise.
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).
Und dann war’s soweit. 

Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein? 

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt. 

Bertolt Brecht


vor Ort



Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen,
    Gebet jeglichem gern, was er im stillen begehrt!
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,
    Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück.
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:
    Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülfreich zu sein.

 Johann Wolfgang von Goethe




goldMarie

winter du
harter mann bist
mir in die 
glieder gefahren da
sitze ich nun im
zauberzimmer und



spinne
das stroh zu gold










sonnenWeg



...Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
in uns erstehn?  - Ist es dein Traum nicht,
einmal unsichtbar zu sein?  - Erde! unsichtbar!
Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
Erde, du liebe, ich will. Oh glaub, es bedürfte
nicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen  - , einer,
ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel.
Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.
Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall
ist der vertrauliche Tod...
 
 
 Rainer Maria Rilke
aus der 9. Duineser Elegie