heilweise



Irakli Parjiani: Johannes 5, 1 - 16



nimm das nächstliegende Buch
schlag Seite 18 auf
Zeile 4:

schreib es auf

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Diese Idee lief mir gestern abend in einem blog über den Weg. 
Das Bild und den post-Titel hatte ich schon, 
es fehlten noch die Worte.
Das mir in diesem Moment nächstliegende Buch 
waren Franz Kafkas Tagebücher 1914 -1923.
Seite 18, Zeile 4 steht:

sagen Sie es offen,
ich bestehe durchaus nicht darauf.
Ich gehe

Vollmond: 07:17:36 Uhr



mond du
rundest mich
schon wieder an
spiegelst mir zu
forderst den lauf
sonnenbeauftragter
morsezeichen schickst du
mit deiner grellen lampe
sei einleuchtend
freund mond



*

angedichtet




könntest du, sagst du, denn auch
mal ein Liebesgedicht schreiben,
ein anwend- und brauch-
bares (Lyrik betreiben,


Strofen, die sich leiblich und reim-
lich umarmen und Versmaß), das
mich überzeugt: du fühlst was für ---
oder schreib , was du willst, aber bald


über Gott und die
Welt ist genug
gesagt und geklagt also

schreib über mich über dich wie’s
uns geht wer wir
sind: komm, sei so nett.




Sonne um Mitternacht...



...in Haiti:
Suline Lenon mit ihrer Tochter Selinda

"Wir finden an anderen Stellen der Erdoberfläche die Möglichkeit erdbebenartiger Katastrophen oder anderer Katastrophen. (...) Dann finden wir die merkwürdige Tatsache: Da oben in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt leben Menschenseelen in Gruppen zusammenhängend nach ihrem Karma, ausarbeitend nach ihren vergangenen karmischen Zusammenhängen ihre zukünftigen karmischen Zusammenhänge. Und wir sehen solche Menschengruppen, Gruppen von Menschenseelen bei ihrem Heruntersteigen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein geradezu hinwandern an die Orte, die in der Nähe von Vulkanen liegen, oder da liegen, wo erdbebenartige Katastrophen eintreten können, um dasjenige Schicksal zu empfangen aus den elementarischen Naturereignissen heraus, das durch solche Wohnplätze kommen kann. Ja, wir finden sogar, dass in diesem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo der Mensch ja ganz andere Anschauungen und Empfindungen hat, von den Seelen, die zusammengehören, zuweilen solche Orte aufgesucht wrden, um das Schicksal, das man auf diese Weise erleben kann, eben zu erleben."

Rudolf Steiner,GA 236, 27. Juni 1924

blaues Wunder

wund

wunde

wunder

mach ernst

"Die Collage - Technik ist die systema-
tische Ausbeutung des zufälligen

oder künstlich provozierten Zusam-
mentreffens von zwei oder mehr we-

sensfremden Realitäten auf einer au-
genscheinlich dazu ungeeigneten

Ebene - und der Funke Poesie, wel-
cher bei der Annäherung dieser Reali-

täten überspringt" - so definierte
Max Ernst die Collage-Technik, die er


selbst häufig verwendete.

sonnig


Sehen Sie, in allen alten Mysterien galt eine bestimmte Lehre,
die, wenn man sie in ihrem Inhalte gewahr wird,
eigentlich einen tief erschütternden Eindruck macht.
Derjenige, der in ein altes Mysterium eingeführt worden ist,
Schüler geworden ist,
nach und nach in die Initiationswissenschaft hineingekommen ist,
der kam auf einer gewissen Stufe seiner inneren Entwickelung dazu,
dass er die Eindrücke, die er empfing,
so charakterisierte
– nun, meine lieben Freunde, geben Sie acht darauf,
wie ich etwa den Monolog eines solchen alten Initiierten,
den er nach dem Erreichen einer gewissen Initiationsstufe
hätte sprechen können,
jetzt vor Ihnen spreche -,
solch ein Initiierter würde also etwa so gesagt haben:

Wenn ich während des Tages auf freiem Felde stehe,
den ahnenden Blick nach aufwärts richte,
mich den Eindrücken der Sinne hingebe,
so sehe ich die Sonne.
Ich nehme sie wahr in ihrer blendenden Stärke am Mittag,
und ich ahne und schaue
hinter der blendenden Stärke der Sonne am Mittag
das Wirken von geistigen Wesenheiten
der zweiten Hierarchie im Sonnenhaften.
Vor meiner Initiation schwand hinunter das Sonnenhafte
mit dem abendlichen Untergange der Sonne.
In dem Erscheinen der Abendröte
verschwand das Scheinen der Sonne.
Und ich machte vor meiner Initiation den Nachtweg durch,
indem Finsternis um mich ward,
und am Morgen erinnerte ich mich an diese Finsternis,
wenn die Morgendämmerung kam
und aus der Morgendämmerung heraus
wiederum die Sonne erschien,
um ihren Weg zu machen zur blendenden Helle des Mittags.
Jetzt aber, nachdem ich die Initiation erlangt habe, ist es so:
Wenn ich die Morgenröte erlebe,
und die Sonne aus der Morgenröte
wiederum zu ihrem Tagesgange sich anschickt,
wird in mir die Erinnerung an das nächtliche Leben wach.
Ich weiß, was ich während des nächtlichen Lebens erlebt habe.
Ich erinnere mich ganz genau, dass ich geschaut habe,
wie nach und nach ein bläulich glimmerndes Licht
von der Abenddämmerung aus
weiterhin ging von Westen nach dem Osten,
und wie ich schaute,
woran ich mich jetzt genau erinnere,
um die Mitternachtsstunde die Sonne
am entgegengesetzten Himmelspunkte,
gegenüber dem Punkte,
wo sie in ihrer glänzenden Mittagsstärke war,
in ihrem Glimmen,
das so moralisch eindrucksvoll ist,
hinter der Erde.

Ich habe gesehen die Sonne um Mitternacht.

Rudolf Steiner
GA 236, 27. Juni 1924




kommt mir entgegen

Der Heilige Prophet Muhammad sagte,
dass Gott sagt:
„Wer immer Mir die Länge einer offenen Hand entgegenkommt,
dem komme Ich die Länge eines halben Armes entgegen.
Und wer immer Mir die halbe Länge eines Armes entgegenkommt,
dem komme Ich die Länge eines Armes entgegen.
Wenn er Mir entgegengeht,
renne ich, um ihn zu treffen.“

Hadith Muslim







kommt mir entgegen
wer

umwerfend sein gegenWind
mächtig sein gegenGewicht
ich im gegenLicht blind

kommt mir entgegen

erschafft gegenLiebe

kommt mir entgegen

stumm meine gegenRede
ausgegangen die gegenArgumente
keine Flucht in die gegenRichtung
keine gegenWehr mehr

kommt mir entgegen

du gegenBeweis
du gegenWart
du

Ich


*

beschriftet



... jetzt laufen die träumer ganz offen
mit den träumen außen auf der haut herum

mit dem perlmuttschimmer von häuten
und eingeweiden verteilt über

den körper wie altmodische
landkarten; die besonderen

augenblickskurven zeichnen
die keime der zukunft wie eine

ansteckende fossile bepflanzung ab
und die erdrinde bricht wie

abgeblätterte leinwand; der stoff
der träume und alles woraus ein mensch

sonst noch gemacht war flattert
in der luft, einzelne klassische

streifen aus gaze und flor

um die glasklaren gedanken ...


aus "Alfabet" von Inger Christensen




*

Auf - Füllung



Drei Tage später
wurde eine Hochzeit gefeiert
zu Kana in Galiläa.
Die Mutter Jesu weilte schon dort,
und auch Jesus und seine Jünger
waren eingeladen.
Als schließlich der Wein zur Neige ging,
sagte zu Jesus die Mutter Jesu:
"Sie haben keinen Wein mehr!"
Und er antwortete ihr:
"Was wird aus mir und dir
gemeinsam geschehen können,
gebärende Frau? -
Noch ist die Stunde nicht gekommen,
in der ich allein wirken kann."
Und seine Mutter sprach zu den Dienern:
"Was er euch sagt, das vollbringt genau!"
Nun waren dort sechs steinerne Wasserkrüge,
wie es dem jüdischen Brauchtum entsprach.
Sie dienten zur kultischen Reinigung.
Jeder fasste zwei oder drei Metreten.
Und Jesus sagte:
"Schöpft aus ihnen und reicht,
was ihr geschöpft habt,
dem Leiter des Festes!"
Und sie überbrachten ihm das Wasser.
Als dieser es nun gekostet hatte,
da war es zu Wein geworden.
Er wusste nicht, woher der Wein kam,
die Diener aber wussten es genau,
hatten sie doch nur das Wasser geschöpft.
Da rief der Leiter des Festes
den Bräutigam und sagte:
"Schenkt nicht jeder vernünftige Mensch
zuerst den guten Wein aus
und dann den schlechteren,
wenn die Gäste schon trunken sind?
Du aber hast den guten Wein
bis jetzt zurückbehalten!"
So vollzog Jesus zu Kana in Galiläa
die erste der Taten,
durch deren Zeichensprache
er seine Schöpferkraft offenbarte.
Und die Jünger, die mit ihm zogen,
fassten Vertrauen zu ihm.



aus dem Johannesevangelium im 7. Kapitel
Übersetzung Bernd Lampe


*

Gott im Mittelalter



Und sie hatten Ihn in sich erspart
und sie wollten, dass er sei und richte,
und sie hängten schließlich wie Gewichte
(zu verhindern seine Himmelfahrt)

an ihn ihrer großen Kathedralen
Last und Masse. Und er sollte nur
über seine grenzenlosen Zahlen
zeigend kreisen und wie eine Uhr

Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.
Aber plötzlich kam er ganz in Gang,
und die Leute der entsetzten Stadt

ließen ihn, vor seiner Stimme bang,
weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk
und entflohn vor seinem Zifferblatt.

Rainer Maria Rilke





gegenLiebe

"Den weiteren Aufstieg in der Erkenntnis erlangt man dadurch, dass man die Kraft der Liebe zu einer Erkenntniskraft macht.

Nur darf es nicht die triviale Liebe sein, von der allein in unserer materialistischen Zeit zumeist gesprochen wird, sondern es muss diejenige Liebe sein, die imstande ist, sich eins zu fühlen mit einem Wesen, das man selber nicht ist in der physischen Welt; also wirklich fühlen können das, was in dem anderen Wesen vorgeht, ebenso wie das, was in einem selbst vorgeht, ganz aus sich herausgehen können und wieder aufleben in dem anderen Wesen.

Im gewöhnlichen Menschenleben bringt sich dieses Lieben nicht bis zu einem solchen Grade, der notwendig ist, um die Liebe zu einer Erkenntniskraft zu machen.

Da muss man schon zuerst dieses leere Bewusstsein hergestellt haben, muss auch einige Erfahrungen mit dem leeren Bewusstsein gemacht haben.

Ja, dann macht man etwas durch, was freilich viele Menschen nicht suchen, indem sie nach höherer Erkenntnis streben.
Da macht man nämlich etwas durch, was man nennen könnte  
den Erkenntnisschmerz, das Erkenntnisleid.

Wenn der Mensch irgendwo eine Wunde hat, dann schmerzt ihn das. Warum? Weil sein geistiges Wesen dadurch, dass der physische Leib verletzt wird, an dieser Stelle den physischen Leib nicht richtig durchdringen kann.
Aller Schmerz rührt davon her, dass man irgendwie den physischen Leib nicht durchdringen kann. Und wenn man an etwas Äußerlichem Schmerz erlebt, so ist es auch aus dem Grunde, weil man sich damit nicht vereinigen kann.

Hat man das leere Bewusstsein erlangt, in das eine ganz andere Welt als diejenige, an die man gewöhnt ist, hereinflutet, dann hat man für die Momente, in denen man diese inspirierte Erkenntnis hat, den ganzen physischen Menschen nicht, dann ist alles wund, dann schmerzt alles.

Das muss man zunächst durchmachen.

Man muss sozusagen das Verlassen des physischen Leibes als richtigen Schmerz, als richtiges Leid durchmachen, um zur inspirierten Erkenntnis zu gelangen, um dazu zu gelangen im unmittelbaren Anschauen, nicht bloß im Begreifen.

Das Begreifen natürlich kann ganz schmerzlos vor sich gehen und sollte von den Menschen erlangt werden, indem sie eben auch nicht durch den Initiationsschmerz hindurchgehen.

Aber um zu dem zu kommen, dasjenige bewusst zu erleben, was der Mensch eigentlich an sich hat aus dem vorgeburtlichen Dasein, was noch aus der geistigen Welt geblieben ist und in einen hereinwirkt, um dazu zu kommen, dazu gehört zunächst das Hinübergehen über den Abgrund des ganz allgemeinen, ich möchte sagen universellen Leides, universellen Schmerzes.

Und dann kann man die Erfahrung des Auflebens in einem ganz Andern haben, dann lernt man erst die höchstpotenzierte, die höchstgradige Liebe, die darinnen besteht, dass man wirklich nicht abstrakt sich selbst vergessen kann, sondern sich ganz außer acht lassen kann und ganz in das Andere hinüberkommen kann. 

Und wenn diese Liebe in Verbindung mit der höheren, inspirierten Erkenntnis auftritt, 
dann hat man eigentlich erst die Möglichkeit, 
mit all der Lebenswärme, 
mit all der Gemütsinnigkeit, 
mit all der Herzensinnigkeit, 
die natürlich etwas Seelisches ist, 
in das Geistige hineinzukommen. 
Und das muss man, 
wenn man weiterkommen will in der Erkenntnis. 
Die Liebe muss in diesem Sinne 
eine Erkenntniskraft werden."

Rudolf Steiner
GA 234, 2. Februar 1924

Gottesgeschenk



sie tanzt

der schnitter





es ist ein schnitter, der
schneidet brot und gibt
der frau ein stück
und jedem kind ein stück
und ein stück isst er selber
und dann fragt er
wer hat noch hunger?
und dann schneidet er weiter.
einem solchen schnitter
möchtest du wohl gern
einmal begegnen.
außer er sagt zu dir:
komm her, du brot

ernst jandl


*


Wandmalerei




Von Teufeln  III

Dass es Teufel
im Grunde gar nicht gibt
hat uns kürzlich
der Leibhaftige selbst verraten
Wir haben dies
betrübt zur Kenntnis genommen
und beschlossen
in Zukunft
uns selbst an die Wand zu malen

Alfred Brendel









Zwiegestalt




Lass dein Aug in der Kammer sein eine Kerze,
den Blick einen Docht,
lass mich blind genug sein,
ihn zu entzünden.
Nein.
Lass anderes sein.
Tritt vor dein Haus,
schirr deinen scheckigen Traum an,
lass seine Hufe reden
zum Schnee, den du fortbliest
vom First meiner Seele.


Paul Celan



Fernen


Aug in Aug, in der Kühle,
lass uns auch solches beginnen:
gemeinsam
lass uns atmen den Schleier,
der uns voreinander verbirgt,
wenn der Abend sich anschickt zu messen,
wie weit es noch ist
von jeder Gestalt, die er annimmt,
zu jeder Gestalt,
die er uns beiden geliehen.

Paul Celan





wusstet ihr nicht...




wo chiemte mer hi  
wenn alli seite  
wo chiemte mer hi  
und niemer giengti  
für einisch z'luege  
wohi dass me chiem  
we me gieng


Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten, 
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um mal zu schauen,
wohin man käme,
wenn man ginge.

Kurt Marti





Der Engel spricht

Es gibt noch Wunder, liebes Herz,
getröste dich!
Erlöste dich
noch nie ein Stern aus deinem Schmerz,
das Strahlenspiel
vom hohen Zelt
in deiner Qualen Tiefen fiel
und sprach:
"Sieh, wie ich zu dir kam
vor allen andern ganz allein!
Du liebes Herz, wirf ab den Gram!
Bin ich nicht dein?
Getröste dich!"
Erlöste dich
noch nie ein Stern...

Christian Morgenstern



*

Ostwind




Unsere Verstorbenen

Wir wissen nicht, wie wir denken. 
Wir wissen nicht, wie wir uns erinnern. 
Wir wissen nicht, woher unsere Ahnungen kommen. 
Wir erfahren unsere Aufmerksamkeit, 
womit wir alles andere erfahren, nicht. 
Das ist deshalb so, weil diese Fähigkeiten im Himmel, im geistigen Teil unserer Seele wurzeln. Dieser Bereich wäre im Überbewusstsein, im Quellgebiet des Bewusstseins aufzufinden. Die kleinen Blitze der Quelle, der Lichtquelle: 
Womit wir erfahren, womit wir von allem, was mit uns – mit wem eigentlich? – geschieht, zeugen. Da diese blitzhafte Wachheit und ihre Quelle weder an Leib noch an das Selbstgefühl gebunden ist, da sie dem Himmel angehört, in dem wir nicht getrennt voneinander sind, ungetrennt von allem und allen, deshalb verzeihen wir einander manchmal, uns selbst, allen.

„Wir sind aus dem Stoff, aus dem die Träume sind und ein Schlaf umschließt unser kleines Sein.“ Prospero spricht aus einer tiefen Menschenerkenntnis. Wir träumen in den Ursache-Wirkungsketten des Lebens: Was mit uns geschieht, wird nicht von uns gesteuert – ein Leben im Traum. In unseren überbewussten Himmeln schlafen wir ohne Traum. Hier ist das Reich der Stille, des über den Worten und Begriffen, des jenseits der Sprachen stehenden Logos. Hier ist die Quelle, die reine Quelle unserer Fähigkeit zum Verstehen, zum Sprechen. Die Verstorbenen leben im Reich des stillen Logos. Sie sagen sich selbst – das ist ihr Sein. Was dort Sein ist, erscheint auf der Erde als Fähigkeit. Es erscheint als Fähigkeit des Leibes und der Seele, dieser Wesensteile, die sich in ihrem leiblich-seelischen Sein vom oberen Reich getrennt haben. Hierher tritt das seelisch-geistige Wesen nach dem Tod, nachdem es sich von seinen Formen, von seinem Haften an den Formen gereinigt hat. In unseren Meditationen wachen wir vielleicht für Augenblicke in dieser Weltensphäre auf und könnten unseren für tot gehaltenen Geschwistern begegnen, wenn wir ihre Aussagen, wie sie sich der stummen, jenseits der Sprachen liegenden Ursprache selbst aussprechen, wahrnehmen könnten. Wie können wir sie aber im Dickicht der stumm erklingenden Aussagen erkennen? „Wellenlänge“ ist eine gute Metapher für diese Art von Aussage: sie sagen ihre wahren Namen, die nicht die Namen von etwas sind, das an sich kein Name ist, sondern jenen Namen, der mit unserem Sein eins ist – daneben hat man nichts anderes. Die Art, das Wie des Sprechens ist das wahre Einzelmerkmal – niemand sonst spricht so. Es liegt an uns, ob wir den gesuchten Menschen ohne Zeichen – die sind vergangen – erkennen.

Je mehr wir den Menschen, der nicht identisch mit seinem Zeichen ist – die Zeichen erkennen wir zuerst -, seine Bedeutung, sein Wesen geliebt haben, umso leichter ist es, die Art des Sprechens, die der Name ist, zu finden. Wenn wir in der Meditation die Sympathie und Antipathie der Seele, die einzelnen Bilder des irdischen Daseins, die Bilder der schöpferischen Momente, das Lächeln, die Blicke, heitere und traurige, neugierige und resignierende Blicke verlassen, sie alle zusammenschauen, zusammenlesen, können wir das Wie, den Stil, die Gebärde und die Erfüllung des letzten irdischen Lebens finden – Erfüllung auch dann, wenn diese in irdischem Sinne zu fehlen scheint.

Wenn wir in der Meditation des konzentrierten Bildes weiterschreiten, können wir den Klang im Hintergrund erfühlen. Wir können im Hinfühlen für jenes Wesen wach werden, das sich in mehreren irdischen Leben in sehr unterschiedlichen Stilarten (wie ein Maler oder ein Komponist seinen Stil ändern kann und trotzdem unverkennbar bleibt), die dennoch eine Art von Verwandtschaft – den höheren Stil – erkennen lassen, geoffenbart hat.

„Jedes Wesen strebt nach Vollkommenheit“ (Thomas von Aquin), und dieses „Bestreben“ oder diese „Ausrichtung“ (vielleicht kann man es dem Kavana in der Sprache der Chassidim gleichsetzen) ist der größte, umfassendste „Stil“ über dem Stil, der fühlbar ist. Er formt, er gestaltet unseren erkennenden Willen: Das ist die Intuition unseres verstorbenen Menschenbruders in uns. Das ist die Begegnung, das Erwachen im dritten Himmel, das Wahrnehmen des Sprechens im „dritten“ Himmel, wo unser höheres Wesen immerdar lebt, in dem Schlaf, der unser kleines Sein umschließt, aus dem wir jeden Augenblick aufwachen können.

Georg Kühlewind, 2. November 1999






es erscheint


... das leben, die luft die wir einatmen gibt es
eine leichtigkeit in allem, eine gleichheit in allem
eine gleichung, eine offen bewegliche aussage
in allem, und während baum um baum hinaufbraust in
den frühen sommer, eine leidenschaft, leidenschaft
in allem, als gäbe es für das spiel der luft mit
dem fallenden manna eine einfache modellzeichnung,
einfach wie wenn das glück massenhaft nahrung hat
und das unglück keine, einfach wie wenn die sehnsucht
massenhaft wege hat und das leiden keine,
einfach wie der heilige lotus einfach ist
weil man ihn essen kann, eine zeichnung so einfach
wie wenn das lachen dein gesicht in luft zeichnet ...


aus "Alfabet" von Inger Christensen








*

Gebet um Sprache








Gib mir nicht Macht über die Sprache,
Gib der Sprache Macht über mich!
Ich mag nicht mit flinkem Fingerspiel
Silben fädeln wie geglättete Kugeln.
Lass mich an überraschender Biegung
Dir begegnen im Dornbusch des Wortes,
Im stotternd zerrissenen Strauch,
Der mit bläulicher Flamme
Deines Geheimnisses brennt.


Franz Werfel





Herzenslicht




Möge das Wahre in dir
lieber Freund
auferstehen
jenseits der Schwelle
trotz der Trümmer
deines selbstzerstörten Hauses.
Und wir
die dein Schicksal verfolgen
wollen uns selber besinnen
dass auch du dich besinnest
und aufrecht stehend
zurückschaust auf die Trümmer,
entschlossen sie aufzubauen
zu einem neuen
festen Haus.

Dora Baker

















Tanzlied




wie machst du‘s Engel
diese leichteste Geburt
spannst dich im Tanz zur Brücke
wie oft hast du
die Dehnung geübt Engel
die Hingabe an das Unmögliche
mit Schwung umkleidet
heb‘ mich hinauf zu dir
dass wir höher reichen
als die Sonne


*


Licht ist Liebe


Licht ist Liebe.. Sonnen-Weben
Liebes-Strahlung einer Welt
schöpferischer Wesenheiten –
die durch unerhörte Zeiten
uns an ihrem Herzen hält,
und die uns zuletzt gegeben
ihren höchsten Geist in eines
Menschen Hülle während dreier
Jahre: da Er kam in Seines
Vaters Erbteil – nun der Erde
innerlichstes Himmelsfeuer:
dass auch sie einst Sonne werde.

Christian Morgenstern 



Tat-Sachen


Die Zukunft zeigt sich von zwei Seiten,
von der Seite der Verödung, des Aufgehens im Materialismus,
aber auch von dem Geborenwerden einer neuen geistigen Welt,
nicht nur in den Gedanken, oder, sagen wir, in der Anschauung,
sondern für das Dasein.


Denn der Christus wird dem Menschen an die Seite treten
und sein Rater werden.
Nicht als Bild allein ist das gemeint,
sondern in Wirklichkeit werden die Menschen die Ratschläge,
die sie brauchen,
von dem lebenden Christus empfangen,
der ihnen Berater und Freund sein wird,
der zu den Menschenseelen sprechen wird
so wie ein Mensch, der physisch neben uns geht.

Rudolf Steiner, GA 152
Der Weg des Christus durch die Jahrhunderte
Kopenhagen, 14. Oktober 1913

...erschien der Gnadenstern



Oben am Himmel steht hell der Stern,
wird uns den Weg wohl weisen.
Wir drei Könige kommen von fern,
wollen das Kindelein preisen.



 
  
Königsgold, so rein und klar,
Weihrauch bringen wir ihm dar,
Gottes Sohn auf Erden.
Myrrhe sei für seinen Tod,
der uns hilft aus aller Not
froh und frei zu werden.




Seht der Stern bleibt stille stehn,
wo das Wunder ist geschehn,
wo der König ist geboren,
lasset uns zu ihm gehn.




O du Stern der Weisen gibst uns kund,
was geschieht zu dieser Stund',
dass die Erde Stern will werden,
leuchten in des Himmels Rund.





*

Aufblick

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Stern


Oft in meinem Abendwandel hefte
Ich auf einen schönen Stern den Blick,
Zwar sein Zeichen hat besondre Kräfte,
Doch bestimmt und zwingt er kein Geschick.

Nicht geheime Winke will er geben,
Er ist wahr und rein und ohne Trug,
Er beseliget und stärkt das Leben
Mit der tiefsten Sehnsucht stillem Zug.

Nicht versteht er Gottes dunkeln Willen,
Noch der Dinge letzten ew'gen Grund,
Wunden heilt er, Schmerzen kann er stillen
Wie das Wort aus eines Freundes Mund.

In die Bangnis, die Bedrängnis funkelt
Er mit seinem hellsten Strahle gern,
Und je mehr die Erde mählich dunkelt,
Desto näher, stärker brennt mein Stern.

Holder, einen Namen wirst du tragen,
Aber diesen wissen will ich nicht,
Keinen Weisen werd ich darum fragen,
Du mein tröstliches, mein treues Licht!

Conrad Ferdinand Meyer




                              

wortwörtlich

Rühmkorf wie reimst
du wie
fängst du's an
Celan dass
ich mich verwandel
Jandl:

Denn ich bin ans Wort geraten,
produzier' jetzt Wortoblaten.
Ich bin aus dem Wort gekrochen,
lag die Jahre in den Wochen.
Ach, ich bin ans Wort gebunden,
soll jetzt schreiben und bekunden,
weil: ich bin dem Wort begegnet.
Worte hat's auf mich geregnet.
Hört: Ich bin dem Wort entstiegen!
Seht: Ich konnte Worte kriegen!
O, ich bin dem Wort verschworen.
Und ich hab' ein Wort geboren.